Jasper ist jetzt über 1 Monat alt und das Leben läuft langsam schon wieder in die Schienen rein. In einem zuhause mit zwei Kleinkindern verlieren die Wochentage jede Bedeutung - die Zeit fliesst von der Blüte der Flieder zu der von Pfingstrosen und Jasminen. Von den Jasminen zu den Rosen, von den Rosen zu den Flammenblumen. Und irgendwo weit weg, nach den nebelvioletten Morgen und sternübersäten Nächte wartet die Zeit der gefrorenen Astern. Es ist noch fern und das ist alles, was zählt ...
Jasper ist zu danken, dass ich die Möglichkeit habe, wunderschöne Morgen zu sehen: mit einem grossen weissen Vollmond im pastellrosa Himmel, fröhliche Sonnenaufgänge und ruhiges Nieselwetter. Er ist nämlich gerne von 4 bis 5:30 Uhr wach und bittet mich dann zu seiner Gesellschaft - auch laut, wenn ich nicht gleich willig bin, das Traumreich zu verlassen. Am Tag schläft er manchmal relativ lange, nur sobald ich ihn aus der Hand lege, hängt mir Lissi am Rock und will in den Schoss. So sind freie Hände und freie Zeit ein Luxus geworden, den ich mir selten leisten kann. Wenn ich die erste Chance bekomme, versuche ich, im Haus etwas Ordnung zu schaffen oder den Garten vom Unkraut zu befreien. Die zweite nutze ich, um spät am Abend zusammen mit Markus irgendeinen Krimi anzuschauen - einfach zur Entspannung.
Trotz allem geht es hier auch ein Stück vorwärts. Markus ist dabei, für die Kinder ein Schaukel- und Klettergerüst zu bauen. Meiner Meinung nach hat er es sich zu grossartig vorgenommen und das Ding wird erst dann fertig, wenn Jasper schon in die Uni geht und mithilft. Aber er lässt sich ja auch nicht überreden, also warten wir ab, was daraus wird. Wäre schon gut, wenn Lissi im Garten auch was anderes zu tun hätte als nur mit mir und Oma zu sähen, zu giessen und Unkraut zu jäten. Einen tollen Sandkasten hat Markus ihr schon gebaut und ein schickes Dreirad hat sie auch vorzeitig zum Geburtstag bekommen.
Wenn wir drinnen sind, ist sie oft mit Jasper beschäftigt: deckt ihn zu, steckt ihn den Nuckel in den Mund, zeigt ihm die Spielzeuge und verteilt Küsschen. Wir müssen nur aufpassen, dass der Junge unter der grossen Last der Liebe nicht Schaden nimmt. Er ist seit der Geburt mächtig gewachsen, liegt aber immer noch hilfslos da und starrt mit grossen Augen, wie Lissi um ihm herumturnt und erzählt. "Jaaaaaa, nicht weinen," sagt sie mit langgezogener Honigstimme und nimmt seine Hand. Jasper hört tatsächlich auf zu weinen - aus Trost, Erstaunen oder Angst - wer weiss ...