Lissi kommt am Morgen ins grosse Bett, schiebt Markus ein bisschen zur Seite, um sich Platz zwischen uns beiden zu verschaffen, drückt ihre Füsschen gegen meinen Bauch und seufzt zufrieden: "warm!". Um ihren Genuss weiter zu äussern, wiederholt sie mehrmals "Mama, Papa, Mama, Papa", nimmt mein Gesicht zwischen ihre Händchen und drückt mir ein Kuss auf den Mund. So macht es Spass, den Tag zu beginnen!
Am Vormittag haben wir vor, uns mit einer Gruppe Kleinkinder und ihren Müttern zu treffen und die Kinder zusammen spielen zu lassen, während wir bei einer Tasse Tee unseren Nachwuchs loben. Wir sind schon vorbereitet und Lissi klopft an die Flurtür - "Baby, Baby" rufend, dann stellt sich aber heraus, dass die Temperaturen unter -20ˇC über Nacht unserem Wagen den Lebensmut geraubt haben - er gibt gar keine Geräusche mehr von sich ab. Wir decken ihn liebevoll zu, in der Hoffnung, dass er uns zumindest später bedienen kann und bleiben erstmal zuhause. Vom Fenster sieht das Wetter schön aus: über breite Schneelandschaften schwebt zarter Nebel, einige weiss gefrorene Bäume zeichnen sich ab. Später scheint im Süden die kalte Wintersonne, wobei am Nordhimmel ein runder weisser Mond hängt.
Am Abend wollen wir Lissi zu meinen Eltern bringen und dann ein paar Freunde besuchen, die im November ein Kind bekommen haben. Das Auto liegt aber immer noch im Koma. Widerwillig muss ich meinen Vater Norbert zu Hilfe bitten. Mein Vater ist ein komplizierter Mensch und etwas kompliziert ist dadurch auch unser Verhältnis. In der Mitte seiner 50er Lebensjahre ist er immer noch gross und schlank, aber durch falsche Lebensweise früh gealtert. Er besitzt goldene Hände und einen prima Verstand für technische Probleme, dafür aber keinen Verstand für den passenden Umgang mit den Menschen - besonders für seine eigene Familie. Sein Selbstwertgefühl ist nicht besonders gross und das lässt sich am besten damit ausgleichen, dass man die Fehler bei den anderen sucht.
Als er ankommt, sieht er düster aus, erspart sich aber trotzdem keine Mühe, um das Auto mit Markus so hinzuschieben, dass man die Motoren der beiden Fahrzeuge mit den Ladekabeln verbinden kann. Ich und Lissi beobachten aus dem Fenster wie die beiden hin und her laufen, die Türen öffnen und schliessen, irgendetwas suchen und erfolglos versuchen, die gefrorene Kofferraumklappe aufzuhebeln. Lange dauert das alles und ich sehe, dass mein Vater nicht zufrieden ist. Dann kommt er rein und seine Stimme ist voll Kritik. "Ihr musst Euch doch mal manche Sachen klar machen.", mahnt er, "Ihr habt kein Abschleppseil im Wagen, der Kofferraum ist zugefroren - die Klappe muss man doch mit Silikon-Öl einölen!" Die Vorlesung wird vom hereinstürzenden Markus unterbrochen und wir ziehen uns an, um aufzubrechen.
Unsere Waschmaschine ist zur Zeit kaputt und wir müssen die Wäsche zu meiner Mutter zum Waschen mitnehmen. Der Eingang ist voll Tüten und Taschen. Markus bekommt aber einen Anruf und labert ruhig und gelassen im Haus. Vater trampelt nervös im Garten rum und hilft auch nicht mit, wenn ich den ganzen Kram und Lissi's Autositz alleine in den Wagen schleppe. "Männer!" denke ich bitter und versuche den Vater zu beruhigen, dass das Telefonat, das uns aufhält, gleich vorbei sein wird. Wir fahren hintereinander, damit er helfen kann, wenn unser Auto unterwegs versagt. Es hält aber durch, Lissi wird an Omi übergeben und wir machen uns in die Stadt auf. Die sonnige Laune von Markus erwärmt die eisige Luft zwischen uns und wir verbringen einen tollen Abend mit Freunden, leckerem Essen und einem kleinen Baby, das sich zum Glück gut benimmt. Zumindest diesmal ist es uns gelungen, aus dem Kältegefängnis zu fliehen.

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